Zöliakie trifft auf Kulturschock

Wenn alles schief läuft

Bisher hat es sich so angehört, als wenn es auf meinen Reisen mit dem glutenfreien Essen immer wie am Schnürchen läuft und es nie Probleme gibt? Hier und da konnte ich euch tolle Restaurants und Empfehlungen weitergeben und Supermärkte ans Herz legen, in denen man sich mit glutenfreien Sachen eindecken konnte? Ja, das war bisher auch immer so. Egal, wo ich war, gab es meist von tollen Erlebnissen zu berichten. Auch auf meiner ersten Reise nach Nepal konnte ich vorwiegend positive Erfahrungen sammeln, musste nie hungern, wusste einen riesigen Supermarkt mit glutenfreiem Nachschub in meiner Nähe und eine Gastfamilie, die sich mit meiner Autoimmunkrankheit auskannte und für mich kochte. Aber dann wurde es meinem Schicksal zu langweilig – es konnte ja nicht ewig wie im Bilderbuche weiterlaufen. „Da müssen ein paar Special Effects eingebaut werden“ dachte es sich. Zack, da ging es für mich an die indische Grenze im Süden Nepals.


4 Tage, 26,5 Stunden Minibusfahrt über den Highway in Nepals Himalaya, eine Hochzeit, Kulturschock pur, wenig Essen, viel Dreck, schlimme Magenprobleme, einige geflossene Tränen, viele gesammelte Erfahrungen.


Morgens geht es von Kathmandu aus in aller Frühe ohne Frühstück in Richtung Süden. Das Essen wird auf später verschoben – an irgendeiner Raststätte am Highway in Richtung Süden wird es schon was geben. Für mich mit meiner Zöliakie eher wenig. Außer Obst und hart gekochten Eiern steht da nicht viel auf der Speisekarte. Aber noch bin ich mit einem Masala-Tee zufrieden und stopfe mir den Bauch mit Crackern voll, die ich vorher noch auf Vorrat im Bhat Bhateni gekauft habe. Hach, die Stimmung ist gut und die Vorfreude auf die Hochzeit im Süden des Landes steigt und steigt.

Eine Highway-Raststätte in Nepal.

Zum Mittagessen wird am Himalaya Resort gehalten. Mit Gästen hat hier niemand gerechnet. Wenn die Rast in der Dämmerung wäre, könnte man ohne viel Aufwand einen guten Horrorfilm drehen. Ein verlassenes und verfallenes Resort, das sehnlich auf neuen Glanz für die Saison hofft. Irgendwie wird dann aber doch zumindest Nepali Salad (geschnibbeltes Gemüse) gezaubert und gekochter Reis steht nach einiger Zeit auf dem Tisch. Die Soßen sehen unverschämt lecker aus, aber wenn man noch zwischen 3 und 7 Stunden Busfahrt vor sich hat, verzichtet man auf so manches Experiment. Ja, auch wenn einem versichert wird, dass bestimmt nichts mit Gluten enthalten ist. Die Begründung ist ganz entzückend: Nein, es kann gar kein Gluten im Essen sein, weil die Küche so lange schon nicht mehr benutzt wurde. Ja, das ist schon einleuchtend. Ich lächle völlig verzweifelt, schüttle in Gedanken den Kopf und lehne dankend ab.

Während wir vorher noch gescherzt haben, was das für eine perfekte Szenerie das verlassene Resort für einen Gruselfilm wäre, stehe ich wenig später in meinem eigenen ganz privaten falschen Film. Aber leider ist der so real! Zu real für mein Empfinden.

Ankunft in der Dämmerung irgendwo im Nirgendwo: Kalaiya an der indischen Grenze ganz im Süden von Nepal. Willkommen im Kalaiya Inn! Wäre ich nicht so müde und würde schon ahnen, dass es kein Scherz sein kann, müsste ich wahrscheinlich herzhaft anfangen zu lachen. Alleine schon aus Verzweiflung.

Das Zimmer: Keine Fenster nach draußen, nur zum Flur, ein Doppelbett mit einem Laken, aus dem man eine Suppe kochen könnte. Genügend Haare auf dem Kopfkissen und sonst überall, dass man eine Perücke draus basteln kann. Grelles Neonlicht. Blutspuren an der Wand des Badezimmers und ein fehlendes Abflussrohr am Waschbecken, so dass man die ausgespuckte Zahncreme direkt auf den Schuhen hat. Bei jedem genaueren Blick wird mir immer bewusster, dass ich hier in den kommenden Tagen nichts essen werde. Wenn ich das Zimmer so beobachte, mag ich die Küche erst gar nicht mehr sehen. Da ist sie direkt: Diese fiese Hemmschwelle, die man kaum überlisten kann. Manchmal klappt es mit ausreichend Schlaf, dass am nächsten Morgen die Welt besser aussieht und mein selbst meint, dass man am Vortag Geister gesehen hat. Aber Pustekuchen. So leicht macht mir mein Schicksal es dann auch nicht. Die Geister sind auch nach dem Schlaf noch da – und der Dreck erst recht.

Hallo Kulturschock! Du machst es mir nicht gerade leicht, mich mit der aussichtslosen Lage abzufinden. Während ich sonst immer versuche das Beste aus jeder Situation unterwegs zu machen, ist es hier gerade unmöglich für mich. In meinem Kopf ist einfach alles doof. Hotel: Doof. Dreck: Saudoof. Hunger: Supergroß.

Die kommenden Tage ziehen sich so zäh wie ein fieses Kaugummi unter dem Schuh. Ich sehe mich heute noch in meinem Schlafsack sitzen, damit ich das besagte Betttuch nicht berühren muss und Scheibe für Scheibe von meinem eingeschweißten Marmorkuchen zu essen, den ich Gott sei Dank als Vorrat noch in meinem Rucksack habe. Und Studentenfutter. Zum Frühstück, zum Mittag- und Abendessen. Da ist es wieder. Dieses Gefühl der Verzweiflung. Wenn man sich so unwohl und hundeelend fühlt, dass man dem Essen noch nicht mal eine Chance geben möchte.

Ich erkenne mich selbst einfach nicht wieder. Wenn ich sonst ein großer Fan bin, trotz der Zöliakie auch immer an Straßenständen die typischen Sachen zu probieren, kann man mich hier nur damit jagen. Oder das Gluten grinst einen schon frech aus der Ferne an, als wenn es sagen würde „Haha, Pech gehabt! Das vor Zucker triefende Gebäck ist nichts für dich“.

Ich muss zugeben, dass es auch nicht gerade glücklich angefangen hat und zum Scheitern verurteilt war. Meine Beziehung zum lokalen Essen. Es könnte nicht besser zur Situation passen. Auf der Hochzeit sehe ich dann irgendwann doch ein, dass ich auf das riesengroße Loch in meinem Bauch hören sollte und etwas Essbares finden muss. Alles Gekochte fällt generell schon einmal mit Verdacht auf Gluten weg, Packungen zum Papad gibt es leider nicht mehr, so dass die Inhaltsstoffe ein Geheimnis bleiben. Mit meiner „Bitte an den Koch“ auf Nepali kann niemand etwas anfangen und die Erklärungen meiner Gastmutter stoßen auf völliges Unverständnis. Und dann steht da diese riesige Schale mit gequollenen Kichererbsen und Keimen, die einen regelrecht anlächelt. Keine Gewürze, keine Soße. Einfach pure Keimlinge! Ein kleines Glücksgefühl kommt in mir hoch – endlich etwas Essbares. Im ersten Moment superlecker. Im zweiten auch noch. Und nach einiger Zeit macht einem der Magen bewusst, dass das Wasser zum Aufquellen wohl doch aus dem normalen Wasserhahn kam. So hält die kurzzeitige Freunde nicht lange. Das hätte ja nicht in das Bild der Pechsträhne gepasst, wenn die Snacks in gefiltertem Trinkwasser eingelegt gewesen wären. Der Hunger war einfach zu groß, um über den klugen Satz „Cook it, peel it, boil it or forget it!“ nachzudenken.

Vielleicht erklärt sich so von selbst, warum ich in den kommenden Tagen nicht mehr ganz so offen für die Köstlichkeiten des Streetfoodangebotes bin. Generell, ohne Kulturschock und glücklicherer Ausgangslage würde ich vielleicht die Kugeln aus gepufftem Reis und Karamell gerne probieren, aber irgendwie dreht sich mein Magen beim Gedanken schon daran um. Bei Mandarinen, Äpfeln und Bananen können wir uns einigen – für die kommenden Tage.

Wenn ich mir im Nachhinein die Fotos vom Markt angucke, kann ich selbst kaum glauben, warum ich bei dem ganzen Angebot an tollen Lebensmitteln so hungrig war. Schön aufgetürmtes Obst und Gemüse. Hübsch verknotete Frühlingszwiebeln. Lächelnde Händler, die einen neugierig beäugen. Was bringen die tollsten Lebensmittel, wenn man sie nicht zubereiten kann. Ich kann mich ja schlecht hinsetzen und genüsslich in eine rohe Zwiebel beißen oder Frühlingszwiebeln knabbern. Keine Möglichkeit selbst zu kochen, ausgeschlossen, irgendwo etwas essen zu gehen – das ist die Realität. Ein wirkliches Dilemma für jemanden, der penibel auf die Inhaltsstoffe seines Essens achten muss und nicht nach Lust und Laune, bzw. großem Hunger an einer beliebigen Straßenbude zuschlagen kann.  Da wird mir erst einmal bewusst, wie wichtig es ist, gut vorbereitet zu sein. Ich bin froh, dass ich meine eigenen Ratschläge befolgt habe, genügend Vorräte mitzunehmen. Auch wenn ich oft denke „Ach, irgendwas werde ich schon zu Essen finden“, wurde mir wieder bewusst, dass es manchmal auch ganz schön schwierig sein kann, sich mit der Zöliakie zu versorgen, wenn es kaum etwas Essbares für uns gibt.  Besonders, wenn es auf eine Tour ins Ungewisse geht.

Seht ihr? Auch bei mir läuft nicht immer, wie ich es mir wünsche – einen solchen Kulturschock kann man nicht planen. Er kann einen auch erwischen, wenn man schon viel von der Welt gesehen und verrückte Dinge auf seinen Reisen erlebt hat. Aber wie ist es so schön? Hinterher denkt man doch Gott sei Dank meist nur an die tollen Erlebnisse. In Nepal kann es aber auch super mit dem Essen klappen, wie ich euch in meinen vorherigen Beiträgen schon verraten habe – also keine Angst! (Die Beiträge kannst du hier und hier noch einmal lesen!)

Kennt ihr solche Situationen? Hat euch auch schon einmal solch ein Kulturschock erwischt, dass ihr kein Essen mehr sehen konntet? Oder wart ihr selbst schon mal irgendwo, wo man nichts Glutenfreies auftreiben konnte? Berichtet mir doch in den Kommentaren davon! Ich würde mich freuen – geteiltes Leid ist doch schließlich halbes Leid!

 


ABOUT THE AUTHOR

Anna

    COMMENTS (2)

  1. Veronika

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    Ach ich liebe es und kenne das beschriebene Gefühl nur zu gut. Ich hatte ein ähnliches Erlebnis in Hong Kongs regional areas. Mit großem Hunger und entzündetem Bauch habe ich verzweifelt nach etwas essbarem gesucht und beim nachfragen, ob in dem Essen Milch, Eier oder Gluten drin sind bekam ich die einfache Antwort: Nein! Beim mehrfachen Nachfragen kam heraus „Nur ein wenig, aber das schmeckt man nicht.“ 😂 love their understanding of intolerance and allergies.

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    • Anna

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      Liebe Veronika,
      vielen lieben Dank für deinen Kommentar:-)! Es ist ein bisschen beruhigend, dass du solche Situationen auch kennst! Die Geschichte ist natürlich auch großartig!! Im Nachhinein hört sich das immer recht lustig an, aber in dem Moment ist man meist der Verzweiflung nahe.

      Viele herzliche Grüße
      Anna

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