Zu Besuch bei Christo und Jeanne-Claude in Paris, Frankreich

Wenn man die Treppenstufen aus der Metro an der Haltestelle George V herausstapft, erscheint der verpackte Arc de Triomphe am Ende der Champs-Elysées wie ein weißer Fleck am Horizont. Einen Tag vor der Eröffnung fahren noch wie gewohnt die Autos um den kreisrunden Place Charles-de-Gaulle mit seinen ca. 240 Metern Durchmesser. Kräne stehen da wie Giraffen, die sich den Triumphbogen aus nächster Nähe ansehen. Höhenkletterer hängen in den Seilen und rücken hier und da noch etwas zurecht. Wie Eltern, die an der Kleidung ihrer Kinder zupfen, damit sie gut sitzt und sie für den großen Tag rausgeputzt sind.

Die Stimmung an diesem Abend ist schon unglaublich – von der gegenüberliegenden Straßenseite kann man bei den letzten Arbeiten zusehen. Die Lichter der Autos ziehen sich wie lange Leuchtstreifen um das Kunstwerk herum. Schon jetzt stehen unzählige Besucher hier, um diese ganz besondere Erinnerung an Christo und Jeanne-Claude zu bewundern.

Arc de Triomphe, Wrapped von Christo, Paris bei Nacht

60 Jahre Planung

Genau 60 Jahre sind vergangen, seitdem Christo und Jeanne-Claude das erste Mal die Idee hatten, den Arc de Triomphe zu verpacken. Drei Jahre nachdem sich die beiden in Paris kennengelernt haben, begannen sie gemeinsam temporäre Kunstwerke im öffentlichen Raum zu planen und umzusetzen – was für eine Lovestory! Eine der Ideen war es, ein öffentliches Gebäude zu verpacken.

Dass es der Arc de Triomphe werden sollte, war naheliegend, nachdem es Christo nach Paris gezogen und er ein kleines Zimmer in Nähe des Triumphbogens gemietet hat. Das Bauwerk hatte immer schon eine besondere Anziehungskraft auf ihn. Nach den ursprünglichen Ideen 1961 folgten zwischen 1962-63 die erste Fotomontage des Arc de Triomphe, Wrapped und 1988 eine Collage aus der Sicht der Avenue Foch. Es sollten seit der ersten Idee aber 60 Jahre vergehen, bis die Träume, Zeichnungen und Ideen Wirklichkeit werden sollten. Auch wenn die beiden leider es nicht mehr erleben können, war es der Wunsch, dass alle geplanten Kunstwerke auch nach ihrem Tod umgesetzt werden. Und so schmücken aktuell noch bis zum 03. Oktober 2021 25.000 Quadratmeter wiederverwertbares, blau-silbernes Polypropylen-Gewebe und 3.000 Meter rotes Seil den Arc de Triomphe.

Arc de Triomphe, Wrapped

Meine Bindung zu Christo & Jeanne-Claude

Die Nachricht vom Tod von Christos im vergangenen Jahr hat mich so unglaublich traurig gemacht. Ein wahrer Held meiner Kindheit, der mich von klein auf mit seiner Kunst begeistert hat. Ich erinnere mich heue noch an The Wall im Gasometer in Oberhausen. Klein Anna mit ihren 12 Jahren, völlig beeindruckt von der 26 Meter hohen Wand aus 13.000 farbig lackierten Ölfässern – das hat ganz schön Eindruck hinterlassen!

So viel Eindruck, dass ich damals all meinen Mut und meine Englischkenntnisse zusammengekratzt und Christo und Jeanne-Claude einen Brief nach New York geschickt habe. Die Karte, die mir die beiden als Antwort zurückschickten, halte ich heute noch in Ehren! Und ja, wahrscheinlich war der Besuch des Arc de Triomphe in der vergangenen Woche genau deswegen so ein besonderes Erlebnis für mich. Ein Erlebnis mit allem, was dazu gehört – Gänsehaut, dem ein oder anderen Tränchen in den Augen und dieses Gefühl, für immer dableiben und die Zeit anhalten zu wollen.

Christo war ein Held meiner Kindheit.

Arc de Triomphe, Wrapped
Arc de Triomphe, Wrapped von unten

Der Tag der Eröffnung

Am Tag der Eröffnung herrscht eine Mischung aus Festivalstimmung und Bewunderung unter den Besuchern. Trotz der Pandemie existiert hier wieder etwas wie Normalität – für mich so unglaublich ungewohnt, wieder unter Menschen zu sein. Ja, ein wenig erscheint der Triumphbogen wie eine Pilgerstätte. Während am Vorabend noch die Autos rund um den Place Charles-de-Gaulle fahren und ihren Weg suchen, ist der Platz am Eröffnungswochenende für Autos gesperrt. An den Eingängen werden die COVID-Impfzertifikate oder entsprechenden Nachweise kontrolliert – nach einer kurzen Sicherheitskontrolle steht man auch schon vor dem riesigen Koloss mit 49,54 m Höhe, 44,82 m Breite und 22 m Tiefe.

Je näher ich dem Kunstwerk komme, desto mehr wird mir dessen Magie bewusst. Während der Triumphbogen auch so schon eine ganz besondere Wirkung hat, setzt der besondere Anlass dem Ganzen noch einmal ein Krönchen auf. Je nach Blickwinkel erinnert mich der verpackte Arc de Triomphe an das Trojanische Pferd – im Großformat natürlich. Und mit dicken Beinen und ohne Kopf – aber das ist ja das Schöne an Kunst. Jeder kann sie für sich selbst entdecken, lässt einen träumen. An anderen Stellen erinnert es mich an ein riesiges Paket – eingepackt mit rotem Schleifenband. Ein Geschenk von Christo und Jeanne-Claude, das so viele Emotionen in mir auslöst, die ich nicht so recht in Worte fassen kann.

Ich wurde bei Instagram gefragt, was der ganze Hype rundum dieses Event soll. Die Antwort fällt mir so unglaublich schwer. Kunst wird in meinen Augen so individuell wahrgenommen, dass man es nicht beschreiben kann. Was ich dabei fühle, wenn ich an die Tage in Paris und beim Besuch dieser Ausstellung denke ist eben mein ganz eigenes Empfinden. Ja, eine ganz spezielle Herzensangelegenheit. Wie bei großen Städten wie New York oder Kathmandu – entweder man liebt sie, oder man hasst sie. Es gibt wahrscheinlich nichts dazwischen. Während manche für Festivals und Konzerte schwärmen, schlagen andere Herzen für Kunst, gutes Essen, das ein oder andere Hobby oder verschiedene Sportarten. Ich habe absolutes Verständnis dafür, wenn jemand irritiert ist, damit nichts anfangen kann – so geht es mir andersherum genauso mit anderen Dingen. Aber genau das macht das Ganze doch so Besonders, oder?

Volunteers verteilen Stoffsamples & geben Informationen

Neben einem Großaufgebot an Sicherheitspersonal und Polizei sind auf dem Gelände viele freiwillige Helfer eingesetzt, die kleine Stoffsamples verteilen, Informationen geben oder auch nur gemeinsam mit einem über Gott und die Welt und natürlich Christo und Jeanne-Claude philosophieren. Wir treffen Ingrid aus den Niederlanden, die für die Zeit des Events (wenn man es so nennen möchte) als Volunteer hier eingesetzt ist.

So stehen wir mitten in Paris, unterhalten uns auf einer Mischung aus Niederländisch, Englisch, Französisch und Deutsch. Wir entdecken so viele Gemeinsamkeiten und vor allen Dingen unsere gemeinsame große Liebe zur Kunst. Ich erzähle ihr von meiner Bindung zu Christo. Wir tauschen Erfahrungen aus und sie erzählt von anderen Kunstwerken Christos, die sie über die letzten Jahre hinweg besucht hat. Mit meinem kleinen Stoffsample, vielen Erinnerungen und vor allen Dingen unzähligen Fotos verabschiede ich mich so ganz persönlich nicht nur vom Arc de Triomphe, Wrapped, sondern auch von Christo und Jeanne-Claude.

rotes Seil, Arc de Triomphe, Wrapped

Arc de Triomphe, Wrapped

  • Installation des Werkes: vom 15. Juli – 17. September 2021.
  • Ausstellungszeitraum: 18. September – 03. Oktober 2021.
  • Abbau der Installation: 04. Oktober – 10. November 2021.

Mehr Informationen dazu gibt es direkt auf der Homepage von Christo & Jeanne-Claude.


Habt ihr vielleicht selbst den Arc de Triomphe zu diesem besonderen Anlass besucht und seid genauso begeistert wie ich? Berichtet mir gerne in den Kommentaren davon – ich bin super gespannt auf eure Geschichten und Eindrücke!

Folgt ihr mir eigentlich schon auf Instagram und Facebook? Ich freue mich, wenn wir uns auch da vernetzen!

Eure Anna ♥

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