Nach 17 Jahren Zöliakie: Mein erster Fehler in der eigenen Küche
Es gibt Momente, die sich anfühlen, als würde die Zeit für einen Augenblick stillstehen. Vielleicht sogar für zwei oder drei. In der vergangenen Woche hatte ich genau so einen Moment – einen, den ich wahrscheinlich so schnell nicht vergessen werde. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit, der Kopf noch halb im Urlaub – und schon war es passiert. Nach 17 Jahren mit Zöliakie habe ich zum ersten Mal so einen richtigen „Anfängerfehler“ gemacht, wenn man ihn so nennen möchte. Nicht im Restaurant, nicht unterwegs, nicht bei Freunden oder auf der Arbeit. Sondern bei mir zuhause – in meiner eigenen Küche. Und das bei etwas völlig Alltäglichem: Brot schmieren.

Gerade aus dem Urlaub in den Niederlanden zurück, hatten wir auf dem Rückweg noch eingekauft. Schon fast obligatorisch landet dabei mindestens eine Packung des typisch niederländischen Brotes im Einkaufswagen. Dieses wunderbar weiche Brot, das man fast wie eine Ziehharmonika zusammendrücken kann – natürlich glutenfrei. Mein Freund hatte sich ebenfalls Brot mitgenommen, allerdings die glutenhaltige Variante.
Nachdem wir das Auto ausgeräumt hatten, wurden erst einmal alle Einkäufe in der Küche gesammelt – eine absolute Seltenheit, da sich sonst nur in Ausnahmefällen glutenhaltige Lebensmittel in meine Küche verirren. Wahrscheinlich habe ich deswegen auch gar nicht weiter darüber nachgedacht und mir ganz selbstverständlich ein Brot gemacht.
Gemütlich hingesetzt, die Brote belegt und eine Scheibe nach der anderen gegessen. Alles fühlte sich völlig normal an – bis mich bei der zweiten Schnitte plötzlich ein Gedanke wie ein Blitz traf: Das ist das falsche Brot. Ich hielt inne, starrte auf die angebissene Scheibe in meiner Hand und legte sie wie in Zeitlupe auf den Teller. In meinem Kopf wiederholte sich der Satz immer wieder, als müsste ich ihn erst richtig begreifen.
Gedankenkarussell, Panik und Verzweiflung
Eine Mischung aus Gedankenkarussell, Panik und purer Verzweiflung setzte ein. Seit meiner Diagnose im Jahr 2009 ist mir so etwas noch nie passiert. Natürlich habe ich gerade am Anfang Fehler gemacht – das gehört vermutlich zu jedem Lernprozess dazu. Aber ich habe nie einfach zu einem offensichtlich glutenhaltigen Lebensmittel gegriffen. Nicht zu Pasta, nicht zu Gebäck – und schon gar nicht zu Brot. Genau deshalb fühlte sich dieser Moment so unwirklich an.
Kaum hatte ich realisiert, was passiert war, ging das Gedankenkarussell los. Wie konnte das passieren? Bin ich blöd? Das darf doch nicht wahr sein. Hätte ich es nicht verhindern können? Fragen über Fragen, gemischt mit einer ordentlichen Portion Selbstvorwürfe. Natürlich habe ich mich unglaublich geärgert – über die Situation an sich, aber vor allem über mich selbst.
Nicht nur wegen der möglichen gesundheitlichen Folgen oder der Schmerzen, die ein Glutenunfall mit sich bringen kann. Sondern vor allem, weil dieser Fehler so unnötig und verhinderbar war. Über die Jahre habe ich mir so viele Routinen aufgebaut, die mich Tag für Tag sicher durch den Alltag begleiten – genau um solche Situationen zu vermeiden. Und jetzt greife ich einfach zur falschen Brotpackung? Der Schock saß tief.

Vorwürfe bringen nichts
Doch nach dem ersten Schock und all den Sorgen kam irgendwann auch ein anderer Gedanke. Vielleicht sogar der Wichtigste in der ganzen Situation: Es bringt nichts, sich im Nachhinein Vorwürfe zu machen. Die Situation ändert sich dadurch nicht. Das Brot wird nicht wieder glutenfrei, egal wie oft man den Moment im Kopf noch einmal durchspielt. Passiert ist passiert – auch nach 17 Jahren.
Vielleicht ist genau das eine wichtige Erinnerung – nicht nur für mich, sondern auch für euch selbst. Wir können noch so aufmerksam sein, noch so viele Routinen haben und noch so viel Erfahrung mitbringen. Am Ende bleiben wir Menschen. Natürlich war es ärgerlich und natürlich hätte ich mir gewünscht, dass es anders gelaufen wäre. Aber schlussendlich war es einfach eine unglückliche Verkettung von Umständen.
Fehler sind menschlich
Fehler sollten nicht passieren – natürlich nicht. Aber manchmal tun sie es trotzdem. Und dann ist der wichtigste Schritt nicht, sich selbst fertigzumachen, sondern zu überlegen, wie man damit umgeht. Die Situation annehmen, einmal tief durchatmen und nach vorne schauen. Vielleicht sogar mit ein bisschen mehr Freundlichkeit sich selbst gegenüber. Denn mit Zöliakie zu leben bedeutet jeden Tag Aufmerksamkeit, Planung und Verantwortung. Wenn nach vielen Jahren einmal etwas schiefgeht, ist das kein Zeichen von Nachlässigkeit – sondern einfach ein Moment, in dem man merkt, dass man trotz aller Erfahrung immer noch menschlich ist.
Und wisst ihr was? Nach dem ersten Schock kam mir noch ein ganz anderer Gedanke. Eigentlich bin ich sogar ein bisschen froh, dass es mir zuhause passiert ist. Ich weiß genau, woran es gelegen hat. Es war kein Restaurant, kein fremdes Essen und kein Moment, in dem ich mich fragen muss, ob jemand meine Erkrankung vielleicht nicht ernst genommen hat. Dieses Gefühl von Unsicherheit oder Misstrauen, das nach einem Glutenunfall außerhalb entstehen kann, finde ich persönlich noch viel schwieriger. Wenn man plötzlich wieder alles hinterfragt oder sich fragt, ob man sich wirklich auf andere verlassen kann.
Hier war die Situation klar: Es war mein Fehler – eine Verkettung von Umständen. Selbst nach vielen Jahren mit Zöliakie ist niemand perfekt. Fehler können passieren – und sie definieren nicht, wie verantwortungsvoll wir sonst mit unserer Gesundheit umgehen. Manchmal sind sie einfach nur eine Erinnerung daran, dass wir Menschen sind.

Habt ihr auch schon einmal einen ähnlichen Fehler gemacht? Wie seid ihr damit umgegangen? Berichtet mir gerne in den Kommentaren davon!
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Eure Anna ♥
